Über die Geduld

Man muss den Dingen
die eigene, stille,
ungestörte Entwicklung lassen,
die tief von innen kommt
und durch nichts gedrängt
oder beschleunigt werden kann,
alles ist ausgetragen – und
dann gebären …

Reifen wie der Baum,
der seine Säfte nicht drängt
und getrost in den Stürmen des Frühlings
steht, ohne Angst,
dass dahinter kein Sommer kommen könnte.

Er kommt doch!
Aber er kommt nur zu den Geduldigen,
die da sind, als ob die Ewigkeit
vor ihnen läge, so sorglos, still und weit …

Man muss Geduld haben.
Mit dem Ungelösten im Herzen,
und versuchen, die Fragen selber
lieb zu haben,
wie verschlossene Stuben
und wie Bücher, die in einer sehr fremden
Sprache geschrieben sind.

Es handelt sich darum, alles zu leben.
Wenn man die Fragen lebt,
lebt man vielleicht allmählich,
ohne es zu merken,
eines fremden Tages
in die Antworten hinein.

Rainer Maria Rilke, 1903
Foto: Raithel

Ich wünsche dir Geduld und Vertrauen in das Leben.
Geduld für die Fragen, die vielleicht Fragen bleiben.
Vertrauen in das Leben, das vielleicht schon an ganz anderer Stelle Weichen für dich stellt.
Geduld und Vertrauen, dass alles Leben in Zyklen verläuft und dass nach jedem Winter ein Frühling kommt, dass nichts endgültig ist.
Geduld für die Antworten, in die du hineinwächst – und die Raum für neue Fragen schaffen.
Ich wünsche dir Raum zum Leben, geduldig und im Vertrauen!

Alles Liebe!


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